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Unser Mann von Nebenan?



(Sűddeutsche Zeitung vom 16. Juni 2010)

Seit Kai Strittmatter als Tűrkei/Griechenland-Korrespondent der SZ etabliert wurde, hat er die Erdogan-Hagiographie der SZ energisch weiter betrieben. Nichts gegen Recep Tayyip Erdogan: er ist sicherlich einer der fähigsten Politiker der Tűrkei. Er war ein hervorragender Bűrgermeister Istanbuls; ob er ein ebenso guter Premierminister ist, wird man in kűnftigen Jahren besser beurteilen können.

Einige Aspekte der SZ-Berichterstattung stören jedoch. Da heisst es „drängte er (Erdogan) den Islamistenverein seines Ziehvaters Erbakan in die Bedeutungslosigkeit“. Schön, wenn dem so wäre.

Doch leider ist die „Nationale Sicht“ (Milli Görűs), die von Necmettin Erbakan geschaffene, traditionell-islamistische Bewegung alles andere als tot. In Deutschland gilt Milli Görűs weiterhin als verfassungsfeindlich, und erst jűngst geriet eine islamische Moscheegemeinde in Penzberg (Bayern) wegen des Verfassungsschutz-Verdachts der Kontakte zu Milli Görűs, der grössten Islamistengruppierung, ins Zwielicht.

Einer der bekanntesten Zeitungskommentatoren der Tűrkei, Cuneyt Űlsever, spricht von einer „Koalition“, die Milli Görűs mit einer anderen islamistischen Richtung, Fethullah Gűlen, in der Regierung der Partei der Entwicklung und Gerechtigkeit AKP eingegangen sei (Hűrriyet, 16. Juni 2010).

Während Milli Görűs den „harten“ Islamismus verkörpere, sei Gűlens Bewegung die des modernen, „milden“ Islam, ein Etikett, das von Strittmatter (und anderen westlichen Korrespondenten) dem Premier Erdogan selbst angeheftet wird.

Durch Wiederholung wird das Argument nicht besser: dass der in Pennsylvania lebende steinreiche Guru Fethullah Gűlen und sein Schűler Erdogan „milde“ islamisch seien, wird erst die Zukunft erweisen.

Erdogans Beműhungen, die Tűrkei zu modernisieren sind deckungsgleich mit den Lehren Gűlens. Auch der Versuch, in Deutschland tűrkische Gymnasien zu etablieren, entspricht der seit Jahren erfolgreichen Politik Gűlens, űberall auf der Welt tűrkische Schulen zu bauen, um der Assimilierung der Auswanderer entgegenzuwirken und schwache tűrkische Wurzeln (vor allem in Zentralasien) zu stärken.

Wie Cuneyt Űlsever sagt, kann man Erdogans AKP-Partei als eine Koalition der strengen und der moderaten Islamisten betrachten, mit unterschiedlichen Auswirkungen je nachdem, welche Gruppe im Einzelfall das Sagen hat.

Im Falle des Gaza-Streits hatten die Milli Görűs-Leute die Oberhand, während Gűlen im fernen Amerika grollte und das Abenteuer der tűrkischen Flotte kritisierte.

Erdogan pendelt zwischen beiden Fronten, was ihn unberechenbar macht und zu Irritationen bei seinen Verbűndeten und Nachbarn fűhrt.

Gűlens Politik mit ihrem Akzent auf wirtschaftliche Entwicklung und Anschluss an Europa ist fraglos erfolgreicher als frűhere und konkurrierende Konzepte.

Ob sich Gűlen jedoch im Endziel von Erbakan unterscheidet, wird man erst in fernerer Zukunft erkennen können. Vielleicht wird ja die Entwicklung űber beide hinweggehen.

Vorläufig ist Necmettin Erbakan weiterhin einflussreich. Die kleine Saadet(Glűcklichkeits)-Partei trägt stolz sein Banner und verurteilt Fethullah Gűlen als Häretiker.

Sie fordert den Abbruch der Beziehungen zu Israel und hält die EU fűr einen christlichen Verein, dem man nicht beitreten sollte. Der alte Herr Erbakan, dem politische Aktivität untersagt ist, hatte bis 2008 die Saadet-Partei durch Strohmänner geleitet. Jetzt weht jedoch ein frischerer Wind mit Parteichef Numan Kurtulmuş, der Saadet näher an die AKP heranfűhrt.

Während Erbakan sich ärgert, kann Erdogan nur zufrieden sein: ein unangenehmer Kritiker am rechten Rand weniger und ein potentieller Verbűndeter mehr. Milli Görűs ist nicht allein.

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—— Benedikt Brenner